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Michaela Zink : Schwangerschaftsbericht Typ-1-Diabetes



Nachdem mein Freund und ich schon länger zusammen waren, dachten wir, dass unser Glück nur noch von einem gemeinsamen Kind gekrönt werden könnte. Also setzte ich im August 2003 die Pille ab. Mein HbA1c war zu diesem Zeitpunkt relativ bescheiden. Er lag irgendwo bei 9% oder so. Also eigentlich nicht wirklich eine Einstellung bei der man schwanger werden sollte. Doch uns war es egal und wir versuchten fleißig schwanger zu werden. Meine Diabetologin wusste von unserem Kinderwunsch und versuchte ihr möglichstes um meine Einstellung zu verbessern. Neben der Pumpentherapie (zuerst die Minimed 508, dann die Paradigm 712 mit Humalog) musste ich noch morgens und abends je eine Metformin Tablette einnehmen. Doch mein Zucker wurde nicht besser. Nach zehn Monaten erfolglosen Versuchen schwanger zu werden geschah es Mitte Juni. Doch zu dieser Zeit hatten mein Freund und ich eine schwere Krise. Es kam, wie es nie kommen sollte: Mein Freund trennte sich Anfang Juli von mir. Am selben Tag machte ich einen Schwangerschaftstest, der positiv ausfiel. Mir ging es in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft ziemlich besch*****. Mir war dauernd schlecht, ich musste mich mehrmals am Tag übergeben und Essen konnte ich vor lauter Liebeskummer eigentlich auch nichts. So nahm ich 12,5 Kilo in den ersten drei Monaten ab. Meine Einstellung verbesserte sich spürbar. Alle vier Wochen wurde mein Hba1c gemessen. Er war jedes mal um 0,5 % (+/- 0,1) besser als im Vormonat. So kam ich am Ende der Schwangerschaft auf einen Hba1c von 5,9%. Ganz ohne Metformin (das ich gleich zu Beginn der Schwangerschaft absetzen musste, da es noch keine Forschungsergebnisse über Metformin und Schwangerschaft gibt). In der elften Schwangerschaftswoche stellte meine Frauenärztin eine transparente Nackenfalte und einen vergrößerten Bauch fest. Dies können Anzeichen für das Down-Syndrom sein. Sie überwies mich zu einem Spezialisten, der ihre Untersuchungsergebnisse bestätigte (bei den Werten meines Babys war die Wahrscheinlichkeit 1:300, dass es Down-Syndrom hat) und mir riet eine Chorionzottenbiopsie durchführen zu lassen. Dabei wird eine Nadel in die Plazenta eingeführt mit der etwas Plazenta abgenommen wird. Die Biopsie war äußerst schmerzhaft und das Warten auf das erste Ergebnis schien endlos. Die entnommene Plazentamenge wird geteilt. Die eine Hälfte wird in 24 Stunden ausgemessen, die zweite Hälfte wird in einer Langzeitkultur angelegt. Auf dieses Endergebnis muss man ungefähr drei bis vier Wochen warten. Nach 24 Stunden konnte ich im Labor anrufen und das Ergebnis erfahren. Der Chromosomensatz war normal (das Down-Syndrom ist eine Fehlbildung der Chromosomen). Da das Geschlecht ja auch durch die Chromosomen bestimmt werden kann und meine Neugier größer war als der Wunsch mich am Tag der Geburt überraschen zu lassen, ließ ich mir das Geschlecht meines Babys verraten. Ich würde einen Sohn bekommen. Mitte Oktober gab es das nächste Problem. Maxi (so sollte mein Kind heißen) war auf dem Ultraschall bei meiner Frauenärztin enorm groß (was ja auch am Diabetes liegen kann). Mein Hba1c lag zu dieser Zeit bei ungefähr 7,0 %. Darum ließ mich meine Ärztin ins Klinikum Großhadern einweisen um genauere Untersuchungen bei Maxi vornehmen zu lassen und um meinen Zucker einzustellen. In Großhadern bestätigte sich, was mir meine Frauenärztin schon gesagt hatte: Maxi war zu groß, außerdem hatte er schon einen enormen Dickschädel (ich hab immer gesagt, den hat er von mir. Bei meiner Geburt hatte ich einen Kopfumfang von 39 cm) Nach gut zwei Wochen wurde ich wieder entlassen. Mein Zucker war zwar nicht wirklich besser, aber okay.

Im Klinikum hatte ich aber ein absolut Wahnsinns-Erlebnis. Ich spürte zum ersten Mal die Bewegungen von Maxi. Die Gefühle die ich da hatte, kann man gar nicht beschreiben und für Nicht-Mütter absolut nicht nachvollziehbar. Doch diese Erlebnis hatte sowohl Vor- als auch Nachteile. Ein Nachteil: Es folgten viele schlaflose Nächte, weil Maxi sehr nachtaktiv war und mich ganze Nächte hindurch getreten hat. Der Vorteil war aber Gewissheit für mich, dass es meinem Kind gut geht. Die folgenden Monate gingen mehr oder weniger problemlos über die Bühne. Ich musste im zwei Wochen Wechsel zu meiner Frauenärztin und nach Großhadern. Maxi entwickelte sich prächtig. er war und blieb zu groß. Deshalb stand schon relativ früh fest, dass Maxi per Kaiserschnitt zur Welt kommen würde. Mitte Januar (ich war mittlerweile in der 32.SSW) musste ich mit Verdacht auf eine Schwangerschaftsvergiftung wieder in die Klinik. Anzeichen für eine Vergiftung sind Eiweiß im Urin, Wassereinlagerungen, hoher Blutdruck und bestimmte Blutwerte passen nicht. Als ich eigentlich schon entlassen wurde, da sich der Verdacht nicht bestätigt hatte, bekam ich Wehen und wurde natürlich sofort an die Bolus-Tokolyse (=Infusion mit Wehenhemmer) angeschlossen. Ich muss ehrlich sagen, dass waren enorme Drogen. Die tokolyse schlägt sich auf alles nieder. Mir war dauernd heiß (ich stand im Winter im T-Shirt auf dem Balkon und hab nicht gefroren) und ich fing teilweise ohne Grund zu weinen an. das war schon sehr gewöhnungsbedürftig.
In der zweiten Woche meines Klinikaufenthaltes verschlechterten sich meine Blutwerte fast täglich. Ich kam der Schwangerschaftsvergiftung wieder näher. Morgens musste ich immer nüchtern bleiben, weil ich jeden Tag auf Abruf bereitstehen musste. Morgens wurde mir immer Blut abgenommen. Sollten die Werte sich plötzlich verschlechtern, musste Maxi sofort geholt werden. Die Übelkeit wurde auch im Januar wieder schlimmer. In der Klinik kam es sogar soweit, dass ich das Frühstück eigentlich auch schon relativ freiwillig ausfallen ließ und vorm Mittagessen hatte ich enorme Angst. Ich musste nur den Wärmedeckel vom Teller hochheben und mir wurde schlecht. Es war immer ein spannender Wettlauf bis zur Toilette, da ich erst noch die Bolus-Tokolyse vom Stromkabel trennen musste bevor ich loslaufen konnte. Es dauerte einige Zeit bis die Schwestern und Ärzte das richtige Mittel gegen die Übelkeit fanden, welches sich mit meinem Diabetes und mit der Schwangerschaft vertrug. Ich bekam immer eine Vomex-Infusion, die half. Manchmal ließ ich mir die Infusion schon vorm Essen anschließen, damit ich wenigstens ein bißchen was in den Magen bekam, was ja auch wegen meinem Diabetes nicht wirklich schlecht gewesen wäre. Die Zuckerwerte in diesen Tagen waren manchmal wirklich ein interessantes Glücksspiel. Sollte man das Essen abspritzen in der Hoffnung, dass ich nicht die Toilette aufsuchen musste oder sollte ich erst eine oder zwei Stunden warten. Ich bin dem Diabetesteam der Klinik wirklich dankbar, denn sie standen eigentlich immer zu meiner Verfügung. In Absprache mit dem Oberarzt der Säuglingsstation entschieden sich die behandelnden Ärzte doch noch dafür, dass ich noch die Lungenreife bekommen sollte, obwohl ich schon in der 34. SSW war. Wenn das Kind vor der 34. SSW zur Welt kommt sind die Lungen noch nicht ausgereift. Um doch noch die Lungenreife zu bekommen, wird der Mutter zwei Mal im Abstand von 24 Stunden Cortison gespritzt. Da das Cortison den Blutzucker erhöhen kann, bekam ich vor der ersten Cortisonspritze noch einmal Besuch von der Diabetologin um mit ihr das weitere Vorgehen zu besprechen. Wir einigten uns darauf, dass ich die Basalrate auf 110% laufen ließ und die Werte beobachten sollte. Doch auch diese Schwierigkeiten überstanden mein Diabetes und ich ohne großartige Entgleisungen, weder nach oben noch nach unten. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar war das CTG (=Wehenschreiber) sehr schlecht. Maxis Herzschlag war zu gleichmäßig. ich wurde sofort in den Kreissaal geschoben. Nach mehreren Untersuchungen (Ultraschall, Blutwerte, CTG) entschieden sich die Diensthabenden Ärzte dafür, Maxi noch nicht zu holen. Am nächsten Morgen allerdings kam eine Schwester um mich zu rasieren. Die Blutwerte hatten sich noch einmal verschlechtert. Die Geburt meines Kindes stand kurz bevor. Gegen elf Uhr wurde ich in den OP geschoben. Den ganzen Vormittag über war ich relativ cool, doch auf den letzten Metern kam die Angst. Ich zitterte und wollte am liebsten weglaufen. Doch meine Angst, vor allem vor der PDA war unbegründet. Das OP-Team war unheimlich nett und fühlte mich richtig "wohl" (das klingt jetzt vielleicht komisch, aber soweit man sich in dieser Situation wohl fühlen konnte, tat ich das) Im Vorgespräch hat mir die Anästesistin erklärt, dass ich während des Kaiserschnitts schon etwas spüren würde. Ich lag also da und wartete, dass ich etwas spüren würdee, doch es tat sich nichts. Also fragte ich die Anästesistin wann es denn losgehen würde. Die meinte daraufhin, dass die Ärzte schon längst schneiden würden und mein Sohn jeden Moment auf die Welt kommen würde. Kurz darauf war es soweit. Am 31.01.2005 um 12.18 Uhr tat mein Sohn Maximilian Alexander seinen ersten Schrei. Was ich damals genau fühlte kann ich heute nicht mehr sagen. Es waren so viele Gefühle: Freude, Erleichterung, Angst einfach alles. Als ich später auf der Intensivstation lag (mein Blutdruck war aufgrund der Schwangerschaftsvergiftung irgendwo auf der Höhe des Himalayas) erfuhr ich von einer Säuglingsschwester, dass es Maxi total gut geht. Er hatte zwar Unterzucker und hatte eine Glukose-Infusion bekommen, aber er war ansonsten total fit. Seine Geburtsdaten waren 48 cm groß, 3175 gr schwer und Kopfumfang 34,2 cm. Eigentlich "normal" für eine Schwangerschaftsdauer von 40 Wochen. Maxi kam 5 Wochen zu früh... Maxi brauchte die Glukose-Infusion übrigens nur 3 Tage. In der Woche nach der Geburt lief meine Basalrate schwankend. Mal auf 10 % mal auf 30%. Bei unserer Entlassung zwei Wochen nach Maxis Geburt hatte ich ungefähr eine Basalrate von 50% im Vergleich zu kurz vor der Geburt. Auch das Stillen klappte trotz Kaiserschnitt und Diabetes wirklich gut. Doch es gab leider Schwierigkeiten als Maxi gut 6 Wochen alt war. Ich fiel zwei Mal innerhalb von einer Woche in eine schwere Unterzuckerung. Die zweite zog einen einwöchigen Klinikaufenthalt mit sich. Bis zum Ende des Stillens (ich stillte Maxi ungefähr vier Monate, zum Ende abwechselnd mit einer Flaschenfütterung) hatte ich aber keine ernsthaften Unterzuckerungen mehr. Nun noch kurz ein Wort abschließend zu meinem Diabetes. Der letzte gemessene Hba1c lag bei 5,9 %.

Übrigens wird in München eine Studie ausgeführt über Kinder deren Eltern Typ 1 Diabetes haben. Bei der TEDDY-Studie muss man nur etwas Blut des Babys einschicken (alles kostenlos!!!) danach werden die Risikogene (also ob das Kind den Diabetes in den Genen hat) überprüft. Maxi hat diese Risikogene nicht. Natürlich kann er immer noch Diabetes bekommen (es gibt ja immer ein Restrisiko) doch wenn, dann bin ich nicht schuld. Ich kann allen Eltern nur raten ihr Kind an dieser Studie teilnehmen zu lassen. Die Überprüfung ist kostenlos und ich denke es ist interessant zu wissen ob das Kind Diabetes bekommen kann. Man kann sich einfach besser auf die evtl. kommende Situation einstellen.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich alles andere als eine leichte Schwangerschaft hatte. Vom ersten Tag an bis zum Ende war mir übel und ich musste mich fast täglich mindestens einmal übergeben. Auch die ganzen Arztbesuche (wöchentlich 2 - 3) waren schon anstrengend, aber wenn ich heute Maxi anschaue und er mich total glücklich anlächelt, vergesse ich die ganzen Strapazen meiner Schwangerschaft und ich würde sofort noch ein Baby bekommen, wenn ich den passenden Mann dafür hätte...

Michaela Zink


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