Nach West Afrika zieht es mich immer wieder der Musik wegen. Viele Jahre schon spiele ich Djembe, diese kniehohe, vasenförmige Trommel, die mit einem Ziegenfell bespannt, mit den Händen gespielt wird. Kontakt habe ich zu vielen afrikanischen Musikern, so auch zu Trommlern aus dem Süden Senegals, der Casamance.
Lamin holt mich in Dakar vom Flughafen ab. Wir suchen uns ein kleines Hotel, in dem wir unser Gepäck deponieren und verbringen dann die Nacht in einer finsteren Diskothek im Zentrum der Stadt. Noch vor Sonnenaufgang lassen wir uns von einem Taxi zu dem großen Parkplatz für Buschtaxis bringen. Jenem Platz, von dem aus mit Menschen vollbesetzte, in der Regel schrottreife Autos, in weite Teile des Landes starten. Wir nehmen einen Peugeot Siebensitzer, in dem schon fünf Fahrgäste übermüdet auf die Abfahrt warten. Auf dem Dach des Autos türmt sich das Gepäck und durch den löchrigen Fahrzeugboden sieht man auf die Sandpiste. Unsere Fahrt führt uns zunächst nach Banjul, der Hauptstadt Gambias. Dieses um den Gambiariver gelegene, langgezogene Land teilt Senegal in zwei Teile.
Nach vielen Stunden Fahrt mit rasanten Slalomfahrten über Sandpisten mit tiefen Schlaglöchern, erreichen wir den Grenzposten in Gambia. Mit meinem Paß betrete ich das Büro um den Einreisestempel zu bekommen. Viele Fragen, Gepäckkontrolle und dann der Stempel, der statt in meinen Paß auf den Tresen des Schalters gedonnert wird. Ich sehe das zwar, realisiere es aber nicht, weil es jenseits von meinem Vorstellungsvermögen ist. Vor der Fähre über den Gambiariver dann eine zweite Paßkontrolle. Mir fehlt der Einreisestempel. Ich bin illegaler Einwanderer. Der Bürovorsteher zeigt mir das Gefängnis und fordert mich auf, zu zahlen, sonst müsste er mich verhaften. Mein Paß liegt in seinem Büro. Ich weiß mir keinen Rat, sage ihm dann, dass ich schwer krank sei und es mir schlecht ginge. Ich bitte ihn, sein Büro benutzen zu dürfen für Blutzuckerkontrolle. Mit viel Aufhebens baue ich auf seinem Schreibtisch mein komplettes Equipement auf und teste mich demonstrativ. Er wird unsicher. Aber er gibt mir meinen Paß, als ich ihn danach frage. Gerade noch erreichen wir die völlig überfüllte Fähre. Erst hier kontrolliere ich meinen Paß und sehe, dass ich auch jetzt keinen Stempel bekommen habe. Das gibt Probleme bei der Ausreise in den Senegal. An der Anlegestelle organisiert Lamin eines der gelb-grünen Taxis, dessen Fahrer er kennt. Für die Ausreise aus Gambia besorgen wir eine "Bestechungstüte" mit Früchten und Zucker auf dem Markt. Bei Straßenkontrollen muss ich mich im Auto ganz klein machen, Lamin und der Taxifahrer palavern höflich mit den Polizisten und so erreichen wir die Grenze zu Senegal. Zunächst einmal scheint mein fehlender Einreisestempel ein unüberwindbares Problem zu sein. Die Männer schicken mich vor die Baracke des Grenzpostens und verhandeln mit Hilfe der "Bestechungstüte" über meine Ausreise. Nach einer Weile kommt dann Lamin grinsend mit meinem Paß und Ausreisestempel.
Unmittelbar nach der Grenze beginnt eine sehr grüne und fruchtbare Landschaft, die Casamance. Ich bin völlig erschöpft, als wir am späten Nachmittag Lamins Campount erreichen. Hier stehen palmblattgedeckte, weiße Rundbauten. Junge Leute erwarten uns am Feuer. Sie trinken Kinkiliba, einen roten Buschtee. Wir berichten über unsere Reise und dann ziehe ich mich zurück, um in einem der Rundbauten auf einer Blättermatratze in tiefen Schlaf zu sinken.
Die nächsten Tage sind gefüllt mit Besuchen und mit Erzählen. Ich suche die nahegelegene Klinik in Kafountine auf, um etwas über die traditionelle afrikanische Behandlung von Diabetes zu erfahren, mich mit den Ärzten auszutauschen. Es gibt viele Diabetiker in der Region aber kein Insulin. Behandelt werden die Patienten mit Pflanzen- und Wurzeltees. Ein großes Problem ist für die Ärzte der Attaya, ein sehr stark gezuckerter schwarzer Tee für die traditionelle Teezeremonie. Die Patienten wollen darauf nicht verzichten. Ich kenne den Tee, trinke den ersten Aufguss ohne Zucker. Ich erzähle von Diabetesbehandlung in Europa, habe meine Hilfsmittel mitgebracht. Europa ist so nah geworden, dennoch gibt es hier keine europäische medizinische Hilfe. Ich erfahre, daß mit traditioneller Medizin Diabetes geheilt werden kann, erfahre viel über Heilsubstanzen in Pflanzen, Rinden und Wurzeln für verschiedenste Erkrankungen. Im Kongo gibt es den insulinproduzierenden Pflanzenpilz Pseudomassaria, der erfolgreich als Diabetestherapeutikum eingesetzt wird. Ich bekomme ein Pulver aus Wurzeln, das ich unterstützend zu meiner Insulintherapie, in ein Glas kaltes Wasser gerührt, trinken soll. Nach und nach konnte ich meine Insulindosis senken und hatte niedrige, sehr stabile Werte. Sicherlich hat auch die besondere Ernährung dazu beigetragen. Sie besteht hauptsächlich aus Reis, Gemüse, frischem Fisch oder Huhn. Es gibt sehr selten Mehlprodukte. Dazu achte ich immer darauf, reichlich Wasser zu trinken.
Ich nehme intensiv am Leben im Dorf mit vielen verschiedenen Ethnien teil, nehme Einladungen zu Festen, Taufen an, die jedesmal ein besonderes Erlebnis sind. Abends dann bin ich regelmäßig bei den Proben einer Djola-Band, die traditionelle Musik pflegt, mit Trommeln, Schlagzeug, Gitarre, Gesang und Tänzern. Diese Musik spiegelt Lebensfreude wieder. Wir machen Aufnahmen, von denen ich CDs für die Musiker produziere. Als Gegengeschenk für ihre Gastfreundschaft.
Donnerstags ist Frauentanz zu Trommelmusik auf dem Dorfplatz. Die Frauen tanzen mit viel Energie, scheinen den Tanz zur Entspannung zu suchen. Männer sind nicht zugelassen.
Spannend ist das Fest der Ringkämpfer. Die stärksten Männer aus dem Land treffen sich zu einem großen Spektakel auf dem Kampfplatz. Mit großem Imponiergehabe und anfeuerndem Gefolge drehen sie vor dem Kampf ihre Runde durch das Dorf und die Arena. Sie sind die Größten. Ledige Männer, die auch Eindruck auf die jungen Frauen machen wollen. Sie bieten sich erbitterte Kämpfe, mit viel Show. Die Zuschauer lassen sich gerne mit einbeziehen. Am Rand der Kämpfe spielen die kleineren Jungs Ringkampf. Zum Abschluß gibt es ein großes Fest.
Ich erlebe immer wieder die große Gastfreundschaft, bin willkommen. Wenn ich um die Mittagszeit durchs Dorf gehe, bitten mich die Menschen vor ihren Häusern zum Essen zu bleiben. Manchmal ist es nur eine handvoll Reis, die sie mir anbieten können. Sie sind sehr arm, aber das wenige, was sie haben, teilen sie mit mir, ohne etwas von mir zu erwarten.
Die Dorfeinwohner sprechen viele verschiedene Dialekte, die Amtssprache ist französisch. Kommunikation mit den alten Menschen und Kindern ist für mich nur über Körpersprache möglich, aber irgendwie hats funktioniert und viel Spaß gemacht.
Ich lasse mich treiben von dem Leben in einer völlig anderen Kultur, lerne, daß es kein Problem gibt, was man nicht lösen kann. Jeder kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt, der Hilfen weiß, um Probleme aus der Welt zu schaffen. Schwierigkeiten werden gemeinsam gelöst, niemand alleine gelassen.
Freunde im Dorf haben mich auch nach meiner Rückkehr nach Europa nicht alleine gelassen. Sie machen sich Gedanken über mein Leben mit Diabetes, wollen, daß es mir gut geht. Sie versorgen mich mit traditionellen afrikanischen Heilmitteln um Folgeerkrankungen vorzubeugen.
Ich bin gerne in dem Dorf Diannah in der Casamance.
Den Autor erreichen Sie unter hancl@gmx.net
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